• Artikel & Interview: Auf gutem Grund

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    Interessanter Artikel im Kölner-Stadt-Anzeiger Magazin: Auf gutem Grund. Ein Bericht über das (Permakultur-in-spe) Projekt Schloss Türnich und ein Interview mit mir:

    Herr Schwarzer, was ist Boden für Sie?
    Ein lebendiger Organismus. Eine Mischung aus totem Gestein und Lebendigem. Erst die Lebewesen machen den Boden zu Bo- den. Dass er beseelt ist, voll von Leben, diesen so wichtigen Punkt haben wir in den vergangenen 50 Jahren völlig vernachlässigt. Man kann das Leben im Boden, abgesehen vom Regenwurm, ja nur unter dem Mikroskop sehen. Wir mussten uns auch gar nicht damit beschäftigen, was lebendigen Boden eigentlich ausmacht, weil wir Pflanzen mit chemischem Dünger zwangsernähren konn- ten.AberlangsamfindeteinParadigmenwechselstatt.Wirfangen endlich an, Boden anders zu betrachten.

    Warum ist es so wichtig, fruchtbaren Boden zu erhalten, wenn wir offenbar mit künstlichem Dünger gut zurecht gekommen sind?
    Pflanzen sind in ihrer Entwicklungsgeschichte schon ganz früh Verbindungen eingegangen mit Pilzen und Bakterien im Boden. Die „Zusammenarbeit“ mit den Pilzen findet nur statt ohne künst- liche Ernährung. Während Kunstdünger eine gewisse Bandbreite an Nährstoffen kurzfristig zur Verfügung stellt – bis zu 50 Prozent dieser Nährstoffe werden von der Pflanze gar nicht aufgenommen und landen im Grundwasser – sind es nicht unbedingt die, die die Pflanze gerade benötigt. Das komplexe Zusammenspiel von Pflanze, Pilzen und Bakterien sowie die Bildung von Humus er- lauben es der Pflanze zu jedem Zeitpunkt auf die Stoffe zurückzu- greifen, die sie gerade braucht. Und ermöglicht ihr, auch in Tro- ckenzeiten an Wasser zu kommen, über die Pilzfäden, auf die sie sonst nicht zugreifen kann. Chemischer Dünger, Pestizide sowie Pflügen zerstören dieses natürliche Zusammenspiel.

    Warum ist der Boden ein Klimasünder, wie Sie in Ihrem Buch „Die Humusrevolution“ schreiben?
    Humus, also fruchtbare Erde mit einem hohen Anteil an organi- schem Material, besteht ja zu fast 60 Prozent aus Kohlenstoff. Ein guter Teil des Kohlendioxids, welches in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten in der Luft gelandet ist, stammt nicht nur aus der Verbrennung von Erdöl oder Kohle. Sondern aus der Verände- rung der Landschaft und den Bearbeitungsmethoden, die wir in der industriellen Landwirtschaft nutzen: Beim Pflügen zum Bei- spiel gelangt Humus an die Luft, und der darin enthaltene Kohlen- stoff oxidiert. Das heißt, er geht eine Verbindung mit Sauerstoff ein, wird zu CO2 und entweicht in die Luft. Rund ein Drittel des Kohlenstoffs,welcherdurchdieMenschheitseitderindustriellen Revolution bis 1980 der Atmosphäre hinzugefügt wurde, stammt vom Pflügen unserer Felder.

    Dennoch sagen Sie, mit Hilfe von Humus könnten wir den Klima- wandel stoppen. Ist das nicht widersprüchlich?
    Nein. Weil wir diesen Effekt, der vor allen Dingen durch die Inten- sivierung der Landwirtschaft eine andere Dimension angenom- men hat, auch wieder rückgängig machen können. Wir können das CO2 aus der Luft durch Humus wieder in den Boden bringen und somit zu einer positiven Veränderung beitragen. Und zwar indirekt, durch die Pflanzen, die Photosynthese betreiben, und dafür CO2 aus der Luft nehmen und damit Kohlenstoff in Form von Zucker produ- zieren und ihn wieder in den Boden pumpen. Dort bleibt er, sofern wir ihn nicht durch Pflügen wieder in die Luft bringen.

    Wie kann das gelingen?
    Ständige Bodenbedeckung ist ein wichtiger Schritt. Die Äcker dürfen nicht brachliegen. Wir brauchen Pflanzen, die den Kohlenstoff akku- mulieren, und müssen dem Boden Kompost und Mikroorganismus zu- führen, die ihn zum Leben erwecken und der Pflanze helfen, ihre Auf- gabe zu erfüllen. Das Ziel ist eine pfluglose Landwirtschaft. Und Äcker, die ständig bedeckt sind von Pflanzen, die entweder zur Ernte da sind oder dem Boden helfen, lebendig zu bleiben, was wiederum da- bei hilft, dass die nächste Kultur besser wächst. Und als dritter wichti- ger Punkt ständiger Fruchtwechsel.

    Humus hat aber noch weitere wichtige Funktionen. Welche?
    Humus birgt viele Nährstoffe für die Pflanzen. Außerdem ist er ein gro- ßer Wasserspeicher. Ein Prozent mehr Humus im Boden auf einen Hektar gerechnet kann 160000 Liter Wasser zusätzlich speichern. In Zeiten des Klimawandels, wo wir schon jetzt aber noch mehr in Zu- kunft mit längeren Trockenperioden zurecht kommen müssen, ist dies ein wichtiger Faktor. Mehr Humus führt so außerdem dazu, dass wir weniger Überschwemmungen haben, da der Boden ja wieder vermehrt größere Mengen an Regenwasser speichern kann. Er sorgt außerdem dafür, dass wertvoller Boden erhalten bleibt, der sonst vom Acker weg- gespült wird und in die Bäche und Flüsse verschwindet.
    Wenn durch unsere Art der Landwirtschaft stetig Boden verschwindet, verlieren wir dann irgendwann nicht den Boden unter unseren Füßen? Eine britische Bauernzeitschrift betitelte letztens einen Artikel mit: „Wir haben noch Boden für 60 Ernten“. Es ist ein Thema, das von der gesamten Gesellschaft völlig unterschätzt wird. Das Buch „Dreck“ von David Montgomery sollte jeder gelesen haben. Es macht deutlich, wie die Landwirtschaft dazu geführt hat, dass Zivilisationen fast we- gen der damit verbundenen Bodenerosion zusammengebrochen sind.

    Können Sie ein Beispiel nennen?
    Als das römische Reich 400 vor Christus langsam anfing zu wachsen, galt Italien als das Land, in dem Milch und Honig floss, mit unglaub- lich fruchtbaren Ländereien. 400 Jahre nach Christus herrschte in Ita- lien dann das Bild vor, das wir auch heute noch haben. Da wächst Wein und da wachsen Oliven, also Pflanzen, die vor allem auf kargem, stei- nigem Boden gedeihen. Weswegen die Römer letztendlich in Tunesien und Libyen einmarschiert sind, um diese Länder als Kornkammer zu benutzen, weil sie nämlich zu Hause – aufgrund des Verlustes an Län- dereien – nicht mehr genügend produzieren konnten.

    Auch Deutschland ist heute abhängig von Agrarflächen im Ausland.
    Genau, vor dem gleichen Problem stehen wir heute. Fast 50 Prozent der Lebensmittel für Europa kommen von außerhalb Europas. Wir gehen woandershin, um dort zu produzieren, weil hier bei uns nicht mehr ge- nügend hergestellt werden kann.

    Was kann denn jeder von uns tun?
    Sich überlegen, welche Produkte er einkauft und wo er sie kauft. Zum lokalen Landwirt gehen und fragen: Wie siehst du das mit CO2 und Kli- maveränderung? Wer Bioprodukte kauft, hat schon einen guten Schritt getan. Auch im eigenen Garten oder auf dem Balkon kann jeder etwas tun, indem er den Boden nicht umgräbt und für gute Kompostierung sorgt.

    Das Gespräch führte Jasmin Krsteski

    Posted on Juli 12, 2017

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